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"Als Erwachsener bin ich Journalist, als Kind Kabarettist"
Guido Tartarotti interviewt Guido Tartarotti: Über sein neues Programm "Daneben" (Premiere am 12. Oktober im Theater im Alsergrund), fade Konsense, seltsame Flughafendurchsagen, das Risiko, als Kritiker selbst aufzutreten und über lesbische Stripteasemusik.
Stellen Sie sich bitte vor.
Hallo, ich bin Guido Tartarotti. Ich bin von Beruf Journalist, im KURIER, also in jener Zeitung, mit der ich als Bub lesen gelernt habe. Abends treibe ich mich oft auf Bühnen herum. Nach dem Überraschungserfolg von "Über Leben - Escape From Meerschweinchenkäfig" kommt jetzt mein zweites Programm "Daneben", eine kabarettistische Auseinandersetzung mit den absurden Seiten des Journalismus. Wenn ich ganz besonders unvorsichtig gelaunt bin, trete ich zudem als Sänger und Gitarrist meiner Band NOW auf.
Ihr neues Programm heißt "Daneben", was bedeutet das?
Ausgangspunkt war die Tätigkeit des Kolumnisten. Von ihm wird erwartet, dass er zu einem aktuellen Thema "dafür" oder "dagegen" ist. Zu Recht - es gibt ja nichts Schlimmeres als einen ausgewogenen Zeitungskommentar, der zu feig ist, sich zu entscheiden. Andererseits: Niemand hat die letztgültige Wahrheit in der Schublade herumliegen.
Also statt dagegen oder dafür - daneben?
Ich bekam einmal ein Mail von einem Herrn, der meinte, er stünde am liebsten neben den Meinungen. Er nannte das die "Hmm"-Haltung, Hmm statt Ja oder Nein. Ich finde das ausgesprochen radikal und mutig, heute, da von jedem Entschiedenheit erwartet wird, zu sagen: Ich weiß es einfach nicht so genau.
Das ist im übrigen auch sehr realistisch, wer kennt sich noch aus im Gebrüll des Meinungsmarktes? Klar, wir wissen, dass der Strache in jeder Hinsicht das letzte ist. Und der Scheuch sagt sogar dann die Unwahrheit, wenn er aus dem Telefonbuch vorliest. Aber darüber hinaus wissen wir wenig.
Worum genau geht es im Programm?
Ein abgebrühter, schon ein wenig müde und zynisch gewordener Journalist und Kolumnist denkt laut über seinen Berufsalltag und sein Leben nach. Er, ein Profi im Dafür- und vor allem Dagegensein, träumt davon, einmal nur noch daneben zu stehen und seine Ruhe zu haben. Den Ausweg zeigt ihm dann eine Flughafendurchsage, die nur er hört.
Sind Sie dieser Journalist?
Er sieht mir ähnlich, das lässt sich nicht leugnen, und seine Stimme klingt so ähnlich wie meine. Aber er ist eine Figur, erfunden und kabarettgerecht überzogen. Und er hasst seinen Beruf, was ich definitiv nicht tue.
Sie hätten aber sicher einige tolle journalistische Anekdoten zu erzählen.
Die kommen auch vor, keine Sorge. Man wird sie mir nur nicht glauben, die wahren Geschichten im Programm sind nämlich weitaus ärger als die erfundenen.
Ihr erstes Programm war noch ein Hybrid aus Lesung und Stand-up-Kabarett. Kommen Ihre Kolumnentexte jetzt gar nicht mehr vor?
Doch, einzelne Motive aus den Kolumnen tauchen auf, etwa das peinliche Englisch, die tatsächlichen sprachlichen Pannen aus den Medien oder der gefährliche Germknödel. Aber es ist ein durchgeschriebenes kabarettistisches Stück.
Mit welchen Themen?
Zum Beispiel der gemeine Blauzungenskink, für mich ein anderes Wort für Haider und Strache. Die Aberwitzigkeit der politischen Sprache. Zumutungen wie der moderne Erregungsjournalismus, den Trend zum Bärlauch, das Achtziger-Jahre-Revival und die allgemeine Verstockung im Zuge des Nordic-Walking-Wahns. Und natürlich treten, wie in jedem meiner Programme, wieder Hansi Hinterseers Moonboots auf.
Es geht um seltsame Krankheiten wie Stinknase und um die großen Fragen der Menschheit - etwa, warum stinken Menschen? Außerdem zeige ich anhand eines nicht erfundenen Beispiels, was passiert, wenn ein Mensch die Welt nur noch durch die Kronen-Zeitung wahrnimmt.
Was passiert dann?
Man spannt z. B. Strumpfhosen kreuz und quer durch sein Haus.
Das Programm hat eine Rahmenhandlung: Die Stimme einer Flughafen-Durchsagerin mischt sich immer wieder ein, in dem sie die "Passagiere Kopfbär und Kompakt" ausruft. Was hat das zu bedeuten?
Ich habe einmal in Schwechat auf einen Flug nach Kuba gewartet und plötzlich diese Durchsage gehört. Seither kann ich nicht aufhören, über Kopfbär und Kompakt nachzudenken: Wer sind die? Wohin wollten sie? Haben sie uns etwas wichtiges zu sagen? Ich hatte dann die Idee für ein Kabarettprogramm, in dem Kopfbär und Kompakt eine wichtige Rolle spielen. Wobei sie jetzt erst ganz am Ende auftreten. Die Stimme der Durchsagerin ist auch die innere Stimme des Protagonisten, sie öffnet ihm die Türen für neue Gedanken.
Ich habe übrigens im Internet niemanden gefunden, der Kopfbär und Kompakt heißt: Offenbar ging es mir damakls in Schwechat ähnlich wie jetzt meiner Hauptfigur: Nur ich habe die Durchsage gehört.
Im Programm führen Sie auch ein Interview mit DEM Krone-Leserbriefschreiber.
Dieser Teil ist mir besonders wichtig. Ich habe über Jahre besonders extreme Leserbriefe aus der Krone gesammelt. Dabei habe ich festgestellt, dass diese Leser eigentlich mit einer Stimme schreiben, als wären sie ein- und dieselbe Person. Dann habe ich mir gedacht, diese Person würde ich gerne interviewen: Warum hasst sie Ausländer und Schwarze, warum hat sie Angst vor Frauen, warum idyllisiert sie Teilaspekte der Hitlerzeit? Der nächste Schritt war, diese Fragen zu formulieren - und sie mit Originalzitaten aus den Leserbriefen zu beantworten. Die Fragen sind also erfunden, die Antworten sind alle authentisch. Der überraschende Effekt: Man kommt durch die Fragen, die einen Kontext herstellen, erst drauf, wie jenseitig und bösartig manches wirklich ist, was sich ganz harmlos als Leserbrief tarnt.
Das klingt gar nicht lustig.
Das ist sogar sehr lustig, das Schrecklichste ist ja oft auch das Lustigste. Ich nehme es in diesem Teil des Programmes aber bewusst in Kauf, dass weniger gelacht wird. Da geht’s mir - Achtung, volle Deckung! - um Haltung, um Denken, um Erkenntnisse.
Haben Sie humoristische Vorbilder?
Vorbild ist ein komisches Wort - ich möchte nicht unbedingt ein Nachbild sein. Ich wurde humoristisch sozialisiert durch Otto Waalkes, Christian Morgenstern und Monty Python’s. Und von meinem Jugendfreund Bibi, der als 15-Jähriger in Straßenbahnwaggons als Agent Provocateur die Leute dazu brachte, sich als kleine Rassisten und Nazis zu enttarnen - mutig und saukomisch. Heute ist er Kaiser von Österreich. Ich habe auch viel von meinem Freund Florian Scheuba gelernt, er ist ein Meister der Überraschung, die ja den Witz ausmacht.
Wann wussten Sie, dass Sie komisches Talent haben?
Das weiß ich immer noch nicht, nicht so genau. Ich war nie der, der die Runde unterhält, jedenfalls nicht vor dem dritten Bier. Ich bin scheu bis an den Rand der Verhaltensoriginalität.
Wie kommen Sie dann auf die Bühne?
Meistens durch die Garderobe und den Bühneneingang. Es gibt keinen Ort, den ich mehr fürchte, und keinen Ort, der mich so magisch anzieht. Vielleicht zwingt mich die Bühne, der zu sein, den ich sonst mit großem Aufwand verleugne.
Journalist, Kabarettist, Musiker, DJ – was ist eigentlich Ihr Hauptberuf?
Ich war auch Wirt und Unternehmer, aber nur ganz kurz. Hauptberuflich bin ich Mensch. Meinen Lebensunterhalt verdient der Journalist, damit bin ich jeden Tag beschäftigt, das kann ich, das habe ich gelernt.
Musiker war mein Traumberuf, besser gesagt Rockstar, aber Musik mache ich heute nicht, weil ich das kann, sondern weil ich will und muss. In die Kabarettsache bin ich hineingestolpert, da habe ich mir selber eine Falle gebaut - als ich eher aus Langeweile eine Lesung mit Kolumnentexten machte und auf der Bühne verblüfft feststelle: Die Leute lachen ja dauernd!
Wie bewahrt man da den Überblick?
Andre Heller hat mir einmal bei einem Interview auf den Kopf zugesagt: Sie sind eigentlich Künstler. Er sagte: Sie sind bei sich selbst Kind, und zu diesem Kind müssen Sie freundlich sein. naja, wenn der heilige Heller das sagt - wer bin ich, ihm zu widersprechen? Als Erwachsener bin ich Journalist, als Kind alles andere.
Sie arbeiten auch als DJ?
Nur noch selten. Ich liebe es, gute Musik für gute Menschen zu spielen. Aber viele Menschen wollen lieber schlechte Musik hören und intervenieren dann beim DJ, man möge die gute Musik abdrehen. Meine drei schönsten Interventionen waren: Was ist das für eine Oaschpreulamusik? - Hast du lesbische Stripteasehits, ich möchte für meine Freundin strippen? - Spiel was anderes oder ich brech dir das Nasenbein.
Die Oaschpreulamusik war übrigens Faith No More. Mein Nasenbein blieb ganz, obwohl ich Jan Delay nicht abdrehte. Und ich versuchte es - unter den flehenden Blicken der anwesenden Männer - mit Scissors Sisters, aber die wunderschöne Lesbe zog sich trotzdem nicht aus.
Warum schreiben Sie keine Bücher?
Diesmal war Daniel Glattauer schneller als ich. Ich steh in losen Verhandlungen mit einigen Verlagen, ich würde das gerne machen. Allerdings möchte ich in einem Buch erzählend schreiben, nicht journalistisch.
Wollen Sie als Journalist und Kolumnist die Welt verändern?
Ja natürlich, und mit den Bierpreisen fangen wir an, danach der Weltfrieden ... Viel zu großes Wort. Ich will auch nicht missionieren. es gefällt mir besser, wenn jeder etwas anderes denkt. Ich verstehe nicht, warum so viele Menschen von der ihren abweichende Meinungen als Bedrohung empfinden und nicht als Bereicherung. Ich verstehe auch die österreichische Sehnsucht nach dem Konsens, also dem faden Einheitsbrei, nicht. Ich misstraue dem Herdentrieb, wenn mehr als zwei Menschen dasselbe reden, tun, denken, ist es mir schon suspekt.
Ist es nicht hochgradig gefährlich, sich als hauptberuflicher Theaterkritiker selbst auf eine Bühne zu stellen und zum Abschuss freizugeben?
Ehrliche Antwort? Ja. Es ist überaus unvernünftig. Aber ich fand vernünftig sein immer fad.
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